Anerkennung von Leid

Hilfe für Opfer von sexualisierter Gewalt

Zur Aufarbeitung sexueller Gewalt in ihrem Verantwortungsbereich gibt es in der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern die „unabhängige Kommission für finanzielle Leistungen in Anerkennung des Leids“. Menschen, die als Kinder oder Jugendliche durch Mitarbeitende der bayerischen Landeskirche oder Diakonie sexualisierte Gewalt erfahren haben, können dadurch finanzielle Entschädigungsleistungen erhalten.

Damit übernimmt die Leitung der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern und der bayerischen Diakonie Verantwortung für das Leid, das Opfern sexualisierter Gewalt in ihren Kirchengemeinden und Einrichtungen zugefügt wurde und das oft bis heute nachwirkt. Mit der "Unabhängigen Kommission" werden die Empfehlungen aus den Beratungen des Runden Tisches „Sexueller Kindesmissbrauch“ der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), die für die evangelischen Kirchen in der „Orientierungshilfe zu Unterstützungsleistungen an Betroffenen sexuellen Kindesmissbrauchs in Anerkennung ihres Leids“ zusammengefasst sind, umgesetzt.

Finanzielle Leistungen in Anerkennung ihres Leids können Menschen bekommen, die glaubhaft machen, dass sie als Kinder, Jugendliche oder Heranwachsende sexuelle Übergriffe durch kirchliche oder diakonische Mitarbeitende erlitten haben und deren Ansprüche gegenüber den Tätern und den Institutionen inzwischen verjährt sind. Über die Höhe der finanziellen Leistung entscheidet die Kommission auf Antrag.

Grundsätze für die finanzielle Unterstützung

Allgemeines

Die Leitung der Evangelischen Kirche in Bayern und der Diakonie ist tief betroffen davon, dass Kinder, Jugendliche und Heranwachsende durch kirchliche und diakonische Mitarbeitende Opfer sexualisierter Gewalt geworden sind. Sie übernehmen Verantwortung für das Leid, das in ihren Einrichtungen und Arbeitsfeldern den Betroffenen zugefügt worden ist.

Eine Wiedergutmachung von geschehenem Leid ist nicht möglich. Aber es gibt das Angebot, neben immaterieller Unterstützung in Form von Seelsorge und Beratung auch durch materielle Hilfe für Opfer sexuellen Kindesmissbrauchs das Leid der Betroffenen wahrzunehmen und anzuerkennen. So machen die Leitung der Landeskirche und des Diakonischen Werks mit der Einrichtung dieser Hilfsmaßnahmen deutlich, dass sie das geschehene Unrecht verurteilen. Die Leistungen sollen dazu beitragen, die noch andauernden Folgen der erlittenen sexuellen Gewalt auszugleichen und zu mildern.

Die finanziellen Leistungen gelten für Betroffene von sexuellem Kindesmissbrauch durch Mitarbeitende der Evangelischen Kirche in Bayern und ihrer Diakonie, bei denen Ansprüche gegen die Täterin oder den Täter nicht mehr durchsetzbar sind. Das bedeutet, dass nicht verjährte Ansprüche vorrangig gegenüber den unmittelbar verantwortlichen Personen oder Stellen geltend zu machen und ggf. auch auf dem Rechtswege zu verfolgen sind.

Finanzielle Leistungen in Anerkennung erlittenen Leids

Für solche Fälle sexuellen Missbrauchs von Kindern und Jugendlichen, in denen wegen Ablaufs der Verjährungsfrist die Durchsetzung von Ansprüchen nicht mehr möglich ist, können finanzielle Leistungen in Anerkennung des erlittenen Leids beantragt werden. Nach Maßgabe der „Orientierungshilfe der EKD zu Unterstützungsleistungen an Betroffene sexuellen Kindesmissbrauchs in Anerkennung ihres Leids“ vom Kirchenamt der EKD, Stand 17. April 2012 erklärt sich die Landeskirche bereit, ohne Anerkennung einer Rechtspflicht individuelle Leistungen an diese Opfer sexualisierter Gewalt zu erbringen, wenn sie

  • glaubhaft machen, dass sie sexualisierte Gewalt durch Mitarbeitende einer kirchlichen Körperschaft oder einer Mitgliedseinrichtung des Diakonischen Werkes Bayern erlitten haben und wenn
  • ein institutionelles Versagen einer Stelle in der Landeskirche, im Diakonischen Werk oder in einer Mitgliedseinrichtung des Diakonischen Werkes für das erlittene Leid (mit)ursächlich war oder dieses Leid ermöglicht hat.

Leistungen in Anerkennung des Leids sind freiwillige Leistungen, die ohne Anerkenntnis einer Rechtspflicht erfolgen. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Aus der Gewährung dieser freiwilligen Leistungen können keine neuen Rechtsansprüche hergeleitet werden oder entstehen.

Verfahrensweise zur Anerkennung von Leid

Anträge auf Leistungen sind auf der Grundlage eines Vordrucks, der auch eine Versicherung an Eides Statt über die Richtigkeit der Angaben enthält, an die Landeskirche zu richten. Die Ansprechstelle für Opfer sexualisierter Gewalt berät und unterstützt die Antragsteller und Antragstellerinnen bei der Verfolgung ihrer Anliegen, einschließlich einer Begleitung bei Anhörungen durch die Unabhängige Kommission (UK).

Über den Antrag entscheidet die Unabhängige Kommission für finanzielle Leistungen an Betroffene sexuellen Kindesmissbrauchs in Anerkennung des Leids. Die Kommission wird vom Landeskirchenrat berufen. Der Kommission soll über psychiatrischen, psychologischen, juristischen und theologischen Sachverstand verfügen. Die Mitglieder der Unabhängigen Kommission sind nicht an Weisungen einer Kirchenbehörde, des Diakonischen Werks oder einer Mitgliedseinrichtung des Diakonischen Werkes gebunden. Ihre Amtszeit beträgt drei Jahre. Ihre Vorsitzende ist …

Die Unabhängige Kommission entscheidet grundsätzlich nach Lage der Akten: Sie kann jedoch eine nichtöffentliche mündliche Anhörung durchführen, wenn dies sachdienlich erscheint oder wenn der Antragsteller oder die Antragstellerin dies beantragt. Die Beratungen der Kommission sind vertraulich. Vertreter und/oder Vertreterinnen des Landeskirchenamtes bzw. des Diakonischen Werkes oder der betroffenen Mitgliedseinrichtung des Diakonischen Werkes können an den Beratungen ohne Stimmrecht teilnehmen.

Gegen die Entscheidung der unabhängigen Kommission kann der Antragsteller oder die Antragstellerin innerhalb eines Monats nach Bekanntgabe Beschwerde beim Landeskirchenrat einlegen, der endgültig entscheidet.

Übernahme von Kosten für Therapie und Beratung

Die Übernahme von Sachkosten wie z.B. Psychotherapie und Paarberatung im Rahmen des „Ergänzenden Hilfesystems“ für Betroffene von sexualisierter Gewalt zur Milderung der Traumafolgen, wird nach Abschluss der Verhandlungen mit den zuständigen Bundesministerien und der EKD in eine Verfahrensweise eingebettet werden.

Gegenwärtig kann eine Übernahme von solchen Kosten erfolgen, wenn kirchliche oder diakonische Einrichtungen betroffen waren und vorrangig keine Ansprüche auf Leistungen aus dem bestehenden Sozialsystemen geltend gemacht werden können. In akuten Fällen erfolgt eine freiwillige Kostenübernahme vorab, die aber in das Ergänzende Hilfesystem (EHS) eingebracht wird.

Die Ansprechstelle für Opfer sexualisierter Gewalt kann zur Krisenintervention auf Antrag über die Übernahme von

  • Kosten einer unabhängigen rechtlichen Erstberatung
  • Kosten für eine kurzfristigen Intervention,
  • sowie Fahrtkosten zu Beratungseinrichtungen

entscheiden.

Intervention und Prävention

Durch klare Verfahrensregeln bei Fällen von sexualisierter Gewalt setzte sich die Leitung der ELKB und des DWB dafür ein, dass grenzverletzendes Verhalten und solche Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung geahndet werden. Ebenso fördert sie die Verankerung von Präventionsmaßnahmen in ihren Einrichtungen und Arbeitsfeldern zum Schutz der anvertrauten Kindern, Jugendlichen und jungen Heranwachsenden und hat klare Regeln der Intervention.

Neben der finanziellen Zuwendung hat die Unabhängige Kommission eine weitere wichtige Aufgabe, wie Kirchenrätin Johanna Beyer, Leiterin der landeskirchlichen Ansprechstelle für Opfer sexualisierter Gewalt erläutert: „Viele Menschen, die sexualisierte Gewalt erlitten haben, wollen zuallererst, dass die Kirche ihr Leid und ihren Schmerz wahrnimmt. Mit der Unabhängigen Kommission hat die Kirchenleitung jetzt ein Gremium eingerichtet, das sich mit jeder einzelnen Lebensgeschichte befasst, sich mit ihrem oder seinem erlittenen Leid beschäftigt und dieses anerkennt.“

Bei Fragen zu den Anträgen wenden Sie sich an die Ansprechstelle für Opfer sexualisierter Gewalt der ELKB: 

Dr. Johanna Beyer (Diplomsoziologin), Telefon: 089 5595335, E-Mail
Dr. Susanne Henninger (Juristin), Telefon 089 5595224, E-Mail
Michael Thoma (Pfarrer), Telefon 089 5595252, E-Mail

Landeskirchenamt
Postfach 200751
80007 München
Fax: 089 55958522

Sie können sich jederzeit an ein Mitglied der Ansprechstelle wenden oder unter AnsprechstelleSG@elkb.de eine E-Mail an alle Mitglieder der Ansprechstelle schicken.

 


29.01.2016 / ELKB
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